Wie geht es mir eigentlich?

Die Mail-Flut, unzählige WhatsApp-Nachrichten und lange To-do-Listen – Mental Load und der damit verbundene Stress sind längst mitten in unserer Gesellschaft angekommen.
Zwischen „noch schnell dies erledigen“ und „kurz jene Nachricht beantworten“ geraten wir leicht in einen Funktionsmodus, in dem vor allem eines zählt: weitermachen.
Obwohl wir wissen, wie wichtig Ruhe und Erholung wären, werden diese häufig auf die lange Bank geschoben – schließlich gibt es immer noch etwas zu erledigen.
Doch was passiert mit unseren Wünschen und Bedürfnissen, wenn wir sie immer wieder zurückstellen? Sie können sich einerseits in Form physischer und psychischer Symptome Gehör verschaffen. Bevor es dazu kommt, werden sie oft aber erst einmal leiser. Wenn wir dauerhaft viel um die Ohren haben, verlieren wir leicht den Zugang dazu, was wir eigentlich brauchen, was uns guttut und wonach uns gerade ist.
Was bleibt, ist oft ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit und Überforderung. Und wenn uns dann jemand fragt: „Was brauchst du eigentlich gerade?“, fällt die Antwort überraschend schwer.
Gerade für Frauen kann das eine Rolle spielen. Eine Studie von Karlsson aus dem Jahr 2003 hat sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen mit Wünschen umgehen, die sie sich gerade nicht erfüllen können. Dabei wurden zwei wesentliche Strategien beschrieben und untersucht: Die eine besteht darin, dem eigenen Wunsch mit Willenskraft zu widerstehen. Die andere sieht vor, den eigenen Wunsch anzupassen.
Der Studie zufolge neigen Männer tendenziell eher dazu, ihre Wünsche durch Willenskraft zurückzuhalten, während Frauen häufiger dazu tendieren, ihren ursprünglichen Wunsch gegen einen anderen, an die Situation angepassten Wunsch auszutauschen.
Wenn wir unsere Bedürfnisse aus den Augen verlieren
Doch was passiert, wenn wir unsere Wünsche immer wieder anpassen? Wenn wir unsere Bedürfnisse so häufig zurückstellen, dass wir sie irgendwann aus den Augen verlieren?
Irgendwann nehmen wir sie möglicherweise gar nicht mehr richtig wahr. Wir gewöhnen uns daran, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, und verlieren dadurch zunehmend den Kontakt zu ihnen.
Eine Möglichkeit, wieder stärker mit den eigenen Bedürfnissen in Verbindung zu kommen, besteht darin, Gefühlsmarker zu identifizieren. Damit sind kleine Impulse, Vorlieben oder Verhaltensweisen gemeint, die wir häufig intuitiv zeigen oder denen wir intuitiv folgen. Sie können uns Hinweise darauf geben, wie es uns gerade geht – manchmal sogar, bevor wir unseren Zustand bewusst einordnen können.
Welche Gefühlsmarker und Hinweise für einen selbst relevant sind, ist dabei so individuell wie jeder von uns.
Einige Beispiele:
Musik: Ist mir intuitiv nach ruhiger Musik, sehne ich mich vielleicht auch innerlich nach Ruhe. Möchte ich schnelle oder laute Musik hören, steht mir vielleicht eher der Sinn nach Aktivität oder Kontakt. Oder möchte ich gerade überhaupt keine Musik hören, weil sämtliche Pflichten um mich herum ohnehin schon laut genug sind?
Ordnung: Ist rund um mich herum Chaos und es lässt mich kalt, bin ich vielleicht gerade entspannt genug, es auszuhalten. Fange ich dagegen ohne konkreten Auftrag an aufzuräumen, kann das ein intuitiver Versuch sein, durch äußere Struktur auch innere Ordnung herzustellen.
Bewegung: Möchte ich gerade rausgehen, spazieren, Sport machen oder mich bewegen? Vielleicht brauche ich gerade genau diese äußere Bewegung, um auch innerlich Prozesse in Gang zu setzen.
Aber auch das Verhalten unserer Kinder kann ein Anlass sein, den eigenen inneren Zustand genauer zu betrachten. Gerade Kinder reagieren häufig sensibel auf die Stimmung in ihrem Umfeld. Bin ich also zum Beispiel genervt, weil meine Kinder gerade besonders schlecht gelaunt oder unruhig sind, kann ich mich fragen: Bin ich selbst vielleicht gerade unzufrieden oder überlastet? Und könnte sich das auch auf meine Stimmung und damit auf die Stimmung in der Familie auswirken?
Keiner dieser Marker ist dabei automatisch ein eindeutiges Zeichen für ein bestimmtes Gefühl. Sie sind vielmehr kleine Hinweise, denen wir nachgehen können.
Sich selbst wieder besser zuhören
Wer wieder eine Verbindung zu sich selbst und den eigenen Gefühlen aufbauen möchte, kann damit beginnen, sich im Alltag bewusster zu beobachten. Nicht mit dem Anspruch, jede Reaktion sofort verstehen oder verändern zu müssen. Zunächst geht es nur darum, wahrzunehmen.
Denn manchmal wissen wir durchaus, wie es uns geht – wir haben nur verlernt, hinzuhören. Vielleicht beginnt die Verbindung zu uns selbst deshalb gar nicht mit der großen Frage „Was brauche ich?“, sondern mit einer viel kleineren: Was bemerke ich gerade an mir?




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