top of page

Sinn – das Wofür im Leben (Teil 2)

  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Viktor Frankls Sinnkonzept ist nicht nur theoretisch am Schreibtisch entstanden. Es ist gewachsen aus Begegnungen mit Patient:innen aber auch aus Erfahrungen, die Viktor Frankl in seinem privaten Leben machen musste.



Viktor Frankl – ein biografischer Abriss

Frankl wurde 1905 geboren und war von 1933 bis 1937 Leiter des sogenannten „Selbstmörderinnen-Pavillon“ in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof in Wien. Er war Jude und wurde aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1942 in ein Konzentrationslager deportiert. Seine Mutter, sein Vater, sein Bruder und seine Frau starben im KZ, wie er zum Teil erst nach seiner Befreiung erfuhr. Frankl überlebte insgesamt vier verschiedene Konzentrationslager.


Was Frankl am Leben hielt

Frankl beschrieb später mehrere Quellen seines Überlebenswillens, etwa:

  • Der Wille, seine Frau wiederzusehen 

  • Das Helfen anderer, insbesondere traumatisierter Neuankömmlinge im Lager

  • Ein starkes Gemeinschaftsgefühl 

  • Die innere Aufgabe, seine Gedanken zur Existenzanalyse eines Tages zu veröffentlichen


Das Manuskript zu seinem Werk „Ärztliche Seelsorge“ hatte er vor seiner Deportation in seine Manteltasche eingenäht, in der Hoffnung, er könne es so verstecken und behalten. Der Mantel wurde ihm abgenommen. Aber Viktor Frankl gab nicht auf. Er rekonstruierte den Text im Geist, hielt wesentliche Ideen auf Zetteln fest, die er im KZ entwenden konnte, und stellte sich lebhaft vor, wie er später Vorträge darüber halten würde. All das gab Frankl das Gefühl von Sinn, das seinen Überlebenswillen speiste. Angelehnt an Nietzsche wird Frankl folgendes Zitat zugeschrieben:


„Wer ein Wofür im Leben hat, kann fast jedes Wie ertragen“


Zentrale Ideen Frankls

Das dreidimensionale Menschenbild


Frankls Menschenbild ist dreidimensional:

  • Körperlich (somatisch)

  • Psychisch (Emotionen, Kognitionen)

  • Geistig (noetisch)


Die körperliche und psychische Ebene bilden den Boden unseres Daseins. Doch die geistige Dimension – Sinn, Gewissen, Humor, Werte, Liebe – ermöglicht uns, die anderen Ebenen zu lenken. Auch wenn der Zugang zu dieser geistigen Dimension manchmal erschwert ist, etwa in Zeiten von Krankheit, Schmerz, Sucht, Erschöpfung, ist diese geistige Dimension in Frankls Verständnis doch immer vorhanden.


Die drei Säulen des Sinns


In seiner Existenzanalyse beschreibt Frankl drei Wege (Säulen), auf denen Sinn erfahrbar wird:


  1. Erlebniswerte

    Sinn durch Erleben: Musik, Kunst, Natur, Begegnungen, Liebe zu Menschen

  2. Schöpferische Werte

    Sinn durch Tun und Gestalten: Arbeit, Projekte, Verantwortung übernehmen, etwas in die Welt bringen

  3. Einstellungswerte

    Der vielleicht tiefste Weg zum Sinn. Er betrifft Situationen, die nicht veränderbar sind.


In den Einstellungswerten geht es nicht um aktives Tun, sondern um die freie Wahl der inneren Haltung. Denn Frankl war davon überzeugt, dass jene Freiheit, die uns niemand nehmen kann, die ist, unsere Einstellungen selbst zu wählen. Damit geht einher, dass wir manche Umstände, die wir nicht ändern können, akzeptieren lernen, dass wir keine Opferrolle einnehmen, sondern unser Leben im Rahmen unserer Möglichkeiten aktiv gestalten.


So wie Frankl selbst im KZ: Die Umstände waren unmenschlich – doch seine innere Haltung blieb frei.


Eine Schülerin Viktor Frankls, Elisabeth Lukas, betont außerdem die Bedeutung von prosozialem Handeln. Frankls Ideen sind nicht zu verstehen als Sinnfindung durch Ich-Bezug. Wie auch Frankl selbst in seiner Zeit im Konzentrationslager Sinn finden konnte, indem er sich um andere Gefangene angenommen hat, so betont auch Elisabeth Lukas, dass eine zentrale Frage der Sinnfindung ist, welche Bedeutung wir in unser und das Leben anderer Menschen bringen. Sie sagt


Glück ist nicht sagen zu können: „Mir geht es gut.“ 

Glück ist sagen zu können: „Ich bin für etwas gut.“ 


Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft der Existenzanalyse für unsere heutige Zeit.

 

 
 
 

Kommentare


bottom of page